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KI-Special Teil 2: Potenziale für Produktion, Marketing und den Arbeitsmarkt

In unserem 3-teiligen „KI Special“ sprach ich mit unserem renommierten Gastautor Prof. Dr. Kreutzer über den Stand und die Bedeutung von KI für Unternehmen und Gesellschaft. Wir freuen uns, Ihnen das Exklusiv-Interview mit vielen spannenden Insights aus der Forschung zu seinem neuen Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ zu präsentieren.

Im zweiten Teil kommen wir auf die Potenziale für die Produktion und das Marketing zu sprechen. Vor diesem Hintergrund beleuchten wir die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und den Datenschutz.

Lesezeit: 5:00 Min.

DM: Was bedeutet der massive Einzug von KI und KI-basierter Automatisierung für den Arbeitsmarkt? Wie sieht der Job-Markt der Zukunft aus? Vor allem für die breite Masse?

RK: Die Digitalisierung und Dematerialisierung von Produkten und Dienstleistungen sowie von Prozessen kann in Zukunft nicht mehr von der KI-Nutzung getrennt werden. Diese Entwicklungen verstärken sich in vielen Bereichen. Ich sehe – wie viele Studien auch – eine starke Polarisierung des Arbeitsmarkts (vgl. Abb. 2). Es wird eine starke Nachfrage an hochqualifizierten Mitarbeitern geben, die KI, Data-Analytics, Internet-of-Things, vernetzte Produktion, Augmented Reality, Virtual Reality etc. konzipieren, produzieren und managen. Den Facharbeitermangel sehen wir schon heute – und er wird sich auch in anderen Bereichen einstellen, in den in Zukunft gut ausgebildete Fachleute benötigt werden. Im gleichen Zeitraum werden durch die (auch KI-gestützte) Automatisierung Jobs mit mittlerer Qualifikation wegfallen. Hier ist bspw. an klassische Büroangestellte zu denken, an Rechtsanwaltsgehilfen, an Buchhalter, Zugführer, Controller. Gleichzeitig verstärkt sich der Trend in Richtung E-Commerce und fordert die Logistik heraus. Es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis Drohnen und Roboter Pakete an die Endkunden zustellen können (wenn überhaupt). Das heißt, wir benötigen eine Heerschar von Zustellen – und nicht nur für Pakete. Die Entwicklung hin zu einer On-Demand-Society, in der ich mir die Pizza, aber auch die Zutaten zum Kochen liefern lasse, bei Bedarf einen Helpling zum Wohnungsputzen anheuere, wird zu einer hohen Nachfrage bei niedrig qualifizierten Jobs führen.

Abb. 2: Zukünftiger Personalbedarf – orientiert am Qualifikationsniveau
Eigene Abbildung

DM: Kommen wir zu den Unternehmen. In welchen Bereichen liegt für Unternehmen das größere Potenzial in Einsatz von KI? Im Marketing oder in der Produktion?

RK: Ich habe den Eindruck, dass die Produktion in vielen Bereichen schon näher an KI-Lösungen ist als das Marketing. In der Produktion ist Ingenieurswissen und IT-Know-how heute schon viel umfassender „verdrahtet“ als in den meisten Marketing-Abteilungen. Gleichzeitig sind bei Maschinen-Daten keine Regelungen der DSGVO zu berücksichtigen! Das hilft, KI-gestützte Konzepte zu entwickeln. Außerdem lassen sich hier Einsparungen in der Wertschöpfungskette sehr viel leichter und schneller nachweisen.

Im Marketing sollte man zunächst einmal ermitteln, in welchen Felder den Kunden der Schuh drückt und KI-Lösungen Abhilfe schaffen können. Hier gilt es in besonderem Maße, den KI-Einsatz von der Kundenseite her zu denken. Schließlich stellt die KI-Nutzung keinen Selbstzweck dar. KI-Systeme sollen vielmehr Wert für das Unternehmen und Wert für die Kunden schaffen. Das kann im Bereich Customer-Service-Center sein, wo eine KI-basierte, intelligente Nutzerführung bei einer 24/7-Verfügbarkeit auf große positive Resonanz stoßen dürfte – und gleichzeitig Personalkosten einzusparen hilft. Ansonsten kann KI hier vor allem weitere spannende Muster aus Daten „herauskitzeln“, die eine Verbesserung der Customer-Experience unterstützen. Hier werden wir in jedem Falle noch viel Spielwiese sehen. Es gilt mutig auszuprobieren, was geht, was ankommt…

DM: Auf das Marketing bezogen: Ist Datenschutz und KI – ein Widerspruch?

Wenn China auf viele Millionen personenbezogene Datensätze zugreift und dies mit Daten der Gesichtserkennung verknüpft, können hier sehr leistungsstarke KI-Anwendungen entwickelt werden, die uns früher oder später auf dem Weltmarkt begegnen werden. Dies ist die für die KI-Entwicklung ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Allerdings wünsche ich mir für Deutschland nicht die gleiche grenzenlose Datennutzung. Aber ein bisschen mehr Spielraum für den Datenzugriff hätte ich mir schon gewünscht. Die DSGVO definiert ja „Datensparsamkeit“ als oberstes Mantra und es gilt: „Verbot mit Erlaubnisvorbehalt“! Alles ist verboten, wenn es von Kunden nicht explizit erlaubt wurde.

Bei KI gilt allerdings eines: Nichts ist besser für KI als mehr (gute) Daten!

Wir können uns partiell mit anonymisierten Datenbeständen helfen. Der Aufbau solcher Trainingsdatensätze könnte auch von der Regierung mit angeschoben werden. Allerdings haben wir ja erst vor kurzem erlebt, welcher Aufschrei durch Deutschland ging, als der Gesundheitsminister angeregt hat, für Forschungszwecke eine große Gesundheitsdatenbank mit anonymisierten Daten aufzubauen. Die Bedenken hießen: Es könnte doch, wäre u.U. möglich, dass …!

Auch hier gilt meine Aussage: Noch schlimmer, als etwas nur zu 99% perfektes zu machen ist es, nichts zu machen, vor lauter Angst, es könnten Fehler eintreten! Ja klar, Fehler können auftreten und werden auftreten. Das ist die Chance zu lernen! Anders ging es noch nie, geht es auch heute nicht und wird es auch morgen nicht gehen. Fehler gehören unverzichtbar zu jedem Lernprozess!

Allerdings gilt auch: Angst war noch nie ein guter Ratgeber! Auch wenn die Angst vor Angriffen vor allem aus den fälschlicherweise „sozial“ genannten „sozialen Medien“ leider zu häufig berechtigt ist. Allerdings dürfen wir der Dummheit der Masse nicht weichen, wenn wir von einem übergeordneten Ziel überzeugt sind!

Im dritten und letzten Teil unseres KI-Specials schauen wir uns die Herausforderung für die Supply-Chain der Unternehmen an und gehen der Frage nach, welche Auswirkung für die DNA von Marken zu erwarten sind.

Die Grundlage für dieses Interview bildet Prof. Kreutzers neues Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ (2019)

Verfasst von Ralf T. Kreutzer

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer ist seit 2005 Professor für Marketing an der Hochschule für Wirtschaft und Recht/Berlin School of Economics and Law. Parallel ist er als Trainer, Coach, sowie als Marketing und Management Consultant tätig.
Er war 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei Bertelsmann, Volkswagen und der Deutschen Post tätig.
Prof. Kreutzer hat durch regelmäßige Publikationen und Keynote-Vorträge (u.a. in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, Singapur, Indien, Japan, Russland, USA) maßgebliche Impulse zu verschiedenen Themen rund um Marketing, Dialog-Marketing, CRM/Kundenbindungssysteme, Database-Marketing, Online-Marketing, Social-Media-Marketing, Digitaler Darwinismus, Digital Branding, Dematerialisierung, Change-Management, strategisches sowie internationales Marketing gesetzt und eine Vielzahl von Unternehmen im In- und Ausland in diesen Themenfeldern beraten. Er ist Autor von über 40 Buchpublikationen. Sein neuestes Buch "Die digitale Verführung" erscheint Anfang 2020.

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