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KI-Special Teil 1: Game-Changer und Basis-Technologie

In unserem 3-teiligen „KI Special“ sprach ich mit unserem renommierten Gastautor Prof. Dr. Kreutzer über den Stand und Bedeutung der KI für Unternehmen und Gesellschaft. Wir freuen uns, Ihnen das Exklusiv-Interview mit vielen spannenden Insights aus der Forschung zu seinem neuen Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ zu präsentieren.

Im ersten Teil gehen wir den Fragen nach, welche konkrete Bedeutung die KI als Basis-Technologie für das Informations- und Konzeptionszeitalter hat.

Lesezeit: 7:00 Min.

DM: Herr Kreutzer, was ist Künstliche Intelligenz – in einem Satz?

RK: KI ist der Game-Changer, der im Zuge der 4. industriellen Revolution die Gewichte zwischen Unternehmen, Branchen und Ländern nochmals ganz neu verteilen wird.

DM: Wenn man davon ausgeht, dass sich die Gesellschaft in einer Transformation von der Informationsgesellschaft zur Konzeptionsgesellschaft befindet, wo ist die KI hier zu verorten? Eher in Bereichen der reinen Informationsverarbeitung bzw. Wissensarbeit oder auch in den kreativen, sinnhaft-konzeptionellen Aufgaben?

RK: KI ist im Alltag der Informationsverarbeitung bei den meisten Menschen schon angekommen – allerdings haben dies viele noch nicht bemerkt. In meinen KI-Seminaren stelle ich immer wieder die Frage: Wer von Ihnen hat KI schon genutzt? Meistens melden sich dann 30% der Teilnehmer, obwohl es 100% sein müssten.
Schließlich kommen bei Google-Suchanfragen schon heute KI-Algorithmen zum Einsatz, um unsere Fragen besser zu verstehen und präziser zu beantworten. Einen entsprechenden Release zum Verständnis von Fragen – statt nur von Keyword – hat Google gerade in den USA gestartet. Durch die Weiterentwicklung des Suchalgorithmus in Richtung der Beantwortung komplexerer Fragen bereit sich Google gleichzeitig auf die Entwicklung von „Voice-Search“ vor. Google Home, Alexa, Siri und Co. lassen grüßen.

Auch die Empfehlungen von Online-Shops gehen heute teilweise schon über die klassische Warenkorb-Analyse hinaus und versuchen durch KI-Anwendungen, den unausgesprochenen Wünschen und Erwartungen der Kunden noch besser auf die Spur zu kommen. Auch wer Google Translate – oder besser noch das Programm DeepL (ein Kölner Start-up) zur automatisierten Übersetzung nutzt, setzt bereits heute ganz selbstverständlich auf KI – hier in der Gestalt der Spracherkennung (NLP für Natural Language Processing).

Es zeigt sich: KI ist in der Informationsgesellschaft längst angekommen.

Viel dickere Bretter sind dagegen in der Konzeptionsgesellschaft zu bohren, wenn es darum geht, etwas ganz Neues zu entwickeln. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass der Kern der Künstlichen Intelligenz die Mustererkennung ist. Wenn KI-Anwendungen heute etwas „Neues“ schaffen, dann basiert das „Neue“ auf der neuen Zusammensetzung von Mustern, die das KI-System in den Input-Daten erkannt hat. Wenn ein KI-System auf der Basis der Analyse von neun Beethoven-Symphonien die 10. Symphonie komponieren würde, klänge das Ergebnis tatsächlich wie Beethoven – ein Quantensprung der Musikgeschichte wäre hierbei allerdings nicht zu erwarten.

Ein bereits realisiertes Beispiel ist die KI-gestützte Entwicklung eines Drehbuchs für einen Lexus-Spot. Hierzu hat eine KI-Anwendung prämierte Automobil-Spots analysiert und – wieder einmal – bestimmte Muster in den besten Spots erkannt und neu zusammengesetzt. Der online verfügbare Spot wurde allerdings noch von einem menschlichen Regisseur gedreht.

KI heißt heute noch meistens: mehr vom Gleichen!

Um dies zu verdeutlichen, lassen Sie uns einen Blick auf die Malerei im 20. Jahrhundert werfen. KI-Systeme wären – Stand heute – nicht in der Lage ausgehend vom Status-quo der Malerei bspw. den Kubismus, den Dadaismus, den Surrealismus, den Expressionismus oder die neue Sachlichkeit zu kreieren. Hier waren es große Künstler, die „aus der Rille gesprungen sind“, gegen die jeweils herrschende Mode und die „richtigen“ Konventionen in der Kunst revoltiert und damit die Menschheit bereichert und teilweise auch beglückt haben. Bis KI dazu in der Lage ist, wird es noch lange dauern!

DM: Sie sprechen in Ihrem neuen Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ von einer Basis-Innovation, die alle Lebensbereiche durchdringen wird. Also durchaus vergleichbar mit der Elektrizität. Welche Gefahren bestehen hier für die Gesellschaft, was müssen die Menschen lernen und welche Aufgaben muss vor diesem Hintergrund der Staat hier übernehmen?

RK: Bevor wir – typisch Deutsch – von den Gefahren sprechen, sollten wir zunächst einmal einen Blick auf die Einsatzfelder der Künstlichen Intelligenz werfen. Hierbei gibt es vier Bereiche (vgl. Abb. 1).

Prof Kreutzer KI
Abb. 1: Einsatzfelder der Künstlichen Intelligenz Aus: Kreutzer/Sirrenberg, Künstliche Intelligenz verstehen, Wiesbaden, 2019, S. 29

Durch die Spracherkennung wird vieles in der Handhabung einfacher werden. Und vielleicht fragen wir uns in ein paar Jahren, wofür früher Keyboards benötigt wurden. Die Bilderkennung ist die Voraussetzung für das autonome Fahren. KI-gestützte Anlage-Roboter (Robo-Advisor) als Expertensysteme helfen uns heute schon, unsere Finanzanlagen zu managen. Und KI-basierte Roboter kommen heute schon in der Betreuung von Senioren im Japan zum Einsatz – oder fahren die Züge an Flughäfen und in ferner Zukunft auch die Züge der Deutschen Bahn.

KI wird vieles einfacher und bequemer machen. Wenn KI-Systeme bei der Predictive Maintenance – bei der „vorausschauenden Wartung“ – helfen, dann können Aufzüge, Rolltreppen und Flugzeugturbinen gewartet werden, bevor diese ausfallen. Das hilft uns allen. Wenn KI-Systeme die Qualität in der Produktion überwachen, wird der Ausschuss reduziert und die Ressourcen geschont. Gleichzeitig kann in vielen Bereichen eine höhere Produktvielfalt zu akzeptablen Kosten erzeugt werden. Auch das kommt uns allen zugute.

Aber ja: Es gibt auch Gefahren oder besser Herausforderungen, die wir meistern müssen. Zunächst einmal geht es darum, zu begreifen, wofür KI steht. Deshalb haben wir unser Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ genannt – um zunächst ganz niederschwellig Neugierde, Lust und Interesse an der Künstlichen Intelligenz zu wecken, ohne gleich mit komplexen Algorithmen abzuschrecken. Wir stellen eher die Anwenderseite in den Mittelpunkt – um zu zeigen, was geht, um die eigenen Kreativprozesses zu stimulieren.

Zunächst sind in Sachen KI die Unternehmenslenker gefordert, die der Künstlichen Intelligenz den notwendigen Stellenwert im Unternehmen einräumen müssen. Leider ist auf dieser Ebene – nachvollziehbar, aber nicht entschuldbar – häufig noch kein vertieftes KI-Verständnis gegeben. Hier hat Deutschland noch einen großen Nachholbedarf; denn schließlich konnte kaum ein heutiger Unternehmenslenker etablierter Unternehmen KI studieren!

Zusätzlich ist aber auch jede Führungskraft und jeder Mitarbeiter selbst aufgerufen, für sein jeweiligen Aufgabenumfeld einmal zu prüfen, welche Relevanz der KI beizumessen ist – und sich dann das notwendige Wissen ggf. selbst anzueignen. Wenn der Arbeitgeber hierbei nicht unterstützt, dann muss jeder halt selbst initiativ werden, um seine eigene Employability (i.S. von Beschäftigungsfähigkeit) zu erhalten. Schließlich werden sich viele Aufgabenprofile von Mitarbeitern und Führungskräften in der Zukunft massiv verändern.

Der Staat sollte vor allem die Grundlagenforschung an den Universitäten unterstützen, damit Deutschland hier nicht den Anschluss verliert. Hierfür sind ja viele zusätzlich KI-Professorenstellen geplant. Bisher liegen wir hier hinsichtlich Know-how und Rechnerkapazitäten schon weit zurück – vor allem in Vergleich zu China und den USA. Neben einer Ethik-Kommission zur KI sollten wir vor allem viele Think Tanks starten, die anwendungsbezogene Forschung betreiben, damit nicht Deutschland Grundlagen erarbeitet, die von anderen Ländern in vermarktbare Lösungen übersetzt werden. Das hatten wir schon zu häufig! Es geht darum, nicht mit Time-to-Markt auf die perfekte Lösung zu setzen – sondern mit Time-to-Value auf die Frage, wann schafft eine neue Lösung bereits Mehrwert für die Kunden, um diese dann früher als bisher am Markt einzuführen!

Man sieht: Ich sehe die Gefahr weniger in der KI selbst – als in der Nicht-Beschäftigung mit KI.

Hier laufen wir Gefahr, den Anschluss an eine der zukünftigen Basis-Technologien zu verlieren, wenn wir jetzt nicht Gas geben. Dann verlieren wir nicht nur Jobs, die der zunehmenden und nicht nur KI-getriebenen Automatisierung zum Opfer fallen werden, sondern wir bauen gleichzeitig auch keine gut bezahlten und nachhaltig relevanten Jobs in der KI-Entwicklung und KI-Anwendung auf.

Schließlich können wir als Land oder auch als Europa nicht: Den absehbaren Siegeszug der Künstlichen Intelligenz aufhalten.

Im zweiten Teil kommen wir auf die Potenziale für die Produktion und das Marketing zu sprechen. Vor diesem Hintergrund  beleuchtet Prof. Kreutzer die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und den Datenschutz.

Die Grundlage für dieses Interview bildet Prof. Kreutzers neues Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ (2019)

Verfasst von Ralf T. Kreutzer

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer ist seit 2005 Professor für Marketing an der Hochschule für Wirtschaft und Recht/Berlin School of Economics and Law. Parallel ist er als Trainer, Coach, sowie als Marketing und Management Consultant tätig.
Er war 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei Bertelsmann, Volkswagen und der Deutschen Post tätig.
Prof. Kreutzer hat durch regelmäßige Publikationen und Keynote-Vorträge (u.a. in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, Singapur, Indien, Japan, Russland, USA) maßgebliche Impulse zu verschiedenen Themen rund um Marketing, Dialog-Marketing, CRM/Kundenbindungssysteme, Database-Marketing, Online-Marketing, Social-Media-Marketing, Digitaler Darwinismus, Digital Branding, Dematerialisierung, Change-Management, strategisches sowie internationales Marketing gesetzt und eine Vielzahl von Unternehmen im In- und Ausland in diesen Themenfeldern beraten. Er ist Autor von über 40 Buchpublikationen. Sein neuestes Buch "Die digitale Verführung" erscheint Anfang 2020.

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