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Industrie 4.0: Technische Innovationen benötigen einen sozialen Rahmen

Avanciertere Techniken scheinen den Weg zur Produktion der Zukunft zu ebnen. Diese sollen mehr können und die Arbeit erleichtern. Gleichzeitig erfordert Industrie 4.0 aber komplexere Kompetenzen auf Seiten der Belegschaft. In Branchen wie der Textilindustrie klafft daher eine deutliche Lücke zwischen der Vielfalt technischer, digitaler Möglichkeiten und der Realität an den Maschinen. Denn nicht nur der technische, sondern auch der demografische Wandel prägt diverse Bereiche. In diesem Beitrag stelle ich Ihnen die Forschungsgruppe SozioTex vor, die Systeme für und mit Nutzern entwickelt. Die interdisziplinär arbeitenden Forscher berücksichtigen nicht allein das Innovative der Technik, sondern auch das Soziale.

Lesezeit: 4:00 Min.


Die reale Umsetzung der Digitalisierung verläuft noch schleppend in Industrie und Produktion, auch in der Textilbranche. So hinterlässt der demografische Wandel deutliche Spuren, mit immer weniger nachrückendem Fachkräftenachwuchs und immer mehr älteren Beschäftigten. Die meisten Unternehmen haben die digitale Transformation zwar nicht verpasst oder ignoriert, doch das technisch Machbare an den Maschinen und auf dem Boden der Produktionshallen wird noch lange nicht umgesetzt. Viele kleine und mittelständische Unternehmen gestalten die Digitalisierung der Arbeitsprozesse aktiv mit, doch es fehlen die Möglichkeiten und Kapazitäten. Beide Trends, ein möglicher technischer Wandel und ein gegebener demografischer Wandel, zeigen: Adressat ist einerseits der Mensch und dessen Kompetenzen im Arbeitsprozess, das Soziale, andererseits das Technische.

Wichtig: Verschiedene Fachrichtungen zusammen bringen

Die Forschungsgruppe SozioTex betrachtet soziale und technische Innovationen ganzheitlich. Das geht nur mit einer interdisziplinären Teamzusammensetzung: Kompetenzen aus den Ingenieurwissenschaften, der Soziologie und den Bildungswissenschaften werden vereint, um das Soziale und das Technische gleichermaßen zu berücksichtigen. Ziel ist die Entwicklung von Assistenzsystemen, die sowohl junge als auch ältere Beschäftigte in der Bedienung von Maschinen unterstützen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass jüngere Arbeitnehmer, die bereits mit neuen Medien und Techniken aufgewachsen sind („digital natives“), oft einen Vorteil in der Bedienung moderner Technologien gegenüber ihren älteren Kollegen („Digital Immigrants“) haben.

Die Technikskepsis der Digital Immigrants ernst nehmen

Digital Immigrants stehen neuen Technologien häufig skeptisch gegenüber. Technische Veränderungen, das Neue, stoßen gegen Routinen und Gewohnheiten, scheinen damit nicht vereinbar. Die Befürchtungen reichen dabei von Autonomie- und Kontrollverlusten bis hin zum Wegfall der eigenen Arbeitskraft. Um diese Ängste zu entkräften, müssen Sie eine heterogene und alternde Belegschaft auf dem Weg zur Industrie 4.0 mitnehmen!

Eine Lösung sind gemeinsam mit den Nutzern gestaltete Unterstützungs- bzw. Assistenzsysteme. Dabei ist eine optimale Interaktion von Menschen und Maschinen wesentlich. Nicht zuletzt sind aber auch gesundheitsförderliche, ethische und rechtliche Aspekte wichtig. Es geht um (körperliche) Entlastung, um Kompetenzaufbau, um wertvolles Erfahrungswissen, aber auch um einen Abbau von Befürchtungen gegenüber neuer Technik.

Der Techniknutzer muss im Fokus stehen

SozioTex zeigt anhand von Assistenzsystemen an Webmaschinen einen Weg auf, der zugleich der Weg zur Industrie 4.0 sein kann. Denn dieses Beispiel aus der Textilindustrie ist ohne weiteres übertragbar auf andere Branchen und Prozesse. So hat die Forschungsgruppe in einem ersten Schritt Anforderungen ermittelt, die ein Assistenzsystem generell erfüllen muss. Hierzu wurden Betriebsbeobachtungen, Literature-Review-Verfahren und Interviews durchgeführt und die Ergebnisse in den jeweiligen Disziplinen ausgewertet. Resultat ist ein umfassender Anforderungskatalog, der technische, organisatorische/unternehmensspezifische, personenzentrierte und rechtliche Anforderungen enthält. Auf dieser Basis konnten die Forscher erste Demonstratoren entwickeln.
Usability-Tests der Demonstratoren haben die Forschungsgruppe dann zu einem Systementwurf geführt: Die Basis für ein nutzerorientiertes, gemeinsam gestaltetes Assistenzsystem. Mit dem Einbezug der Nutzer und umfangreicher Tests ist ein optimales Matching gewährleistet: Die Akzeptanz und Händelbarkeit eines technisch innovativen Systems. Also stülpen Sie dem Nutzer nicht einfach eine Datenbrille über, sondern lassen sie mitentwerfen und mitgestalten.

 

Augmented Reality Screenshot für Servicearbeiten an einer Webmaschine
Augmented Reality Screenshot für Servicearbeiten an einer Webmaschine

Fazit

Der demografische und technische Wandel birgt Herausforderungen für alle Branchen und Produktionsbereiche. Ein Assistenzsystem, mit Nutzern gestaltet und getestet, kann einen Beitrag leisten, diesen Herausforderungen zu begegnen. Eine breite Akzeptanz von technischen Innovationen im Unternehmen ist nur durch eine partizipative Gestaltung möglich. Digitalisierung und Industrie 4.0 sind integrative Prozesse aus technischer Innovation und sozialen Change-Prozessen. Gestalten Sie den Wandel daher aktiv mit der Belegschaft! So lassen sich vorhandene Ängste und Widerstände abbauen und digitale Innovationen effizienzsteigernd umsetzen.

Verfasst von Adjunct Prof. Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy

Yves-Simon Gloy studierte an der RWTH Aachen, in Frankreich und Kanada Maschinenbau mit der Vertiefungsrichtung Textilmaschinenbau. Nach dem Diplom promovierte er am Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen zu dem Thema „Selbstoptimierung im Webprozess“. An dem Institut habilitiert er zurzeit zu dem Thema „Industrie 4.0 in der Textiltechnik“. Er ist Mitglied der Institutsleitung und leitet den Bereich Textilmaschinen/Produktionstechnik. Daneben ist er in zahlreichen Gremien zu dem Thema „Arbeit 4.0“ aktiv. Er leitet eine Nachwuchsforschergruppe zu dem Thema „Soziotechnische System in der Textiltechnik“. An der Clemson University in South Carolina, USA ist Herr Gloy als Adjunct Prof. tätig.

Er ist Autor von über 190 Fachartikeln.

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